WENN MOZART LACHT

»Stopp!«, möchte Daniel Hope rufen, wenn das Violin- konzert Nr. 3 KV 216 von Wolfgang Amadeus Mozart Fahrt aufnimmt. »Die ersten Takte zeigen noch eine edle, erhabene Welt, aber dann bricht Mozart in einer einzigen Phrase aus ihr aus und kommt nie wieder zu ihr zurück. Er findet und findet, es dreht und dreht, spinnt immer weiter. Doch er lässt das alles nicht aus Geschwindig- keitsliebe geschehen, sondern aus Talent. Jedes Mal, wenn ich Mozart spiele, bin ich erneut vom Ausmaß des Talents überwältigt.«

Dieses Mozart-Wunder wird noch größer, wenn man ihm das prächtige G-Dur-Violinkonzert von Joseph Haydn Hob. VIIa:4 gegenüberstellt: Sieben Jahre vorher wurde es vom 24 Jahre älteren »Papa Haydn« geschrieben.

Hope sagt, dass Haydns Konzert ein Juwel, jenes von Mozart aber eine Offenbarung sei. »Haydn bleibt auf dem Boden der Schönheit, Mozart hebt ab. Bei Haydn höre ich Eleganz und Noblesse: ein perfekter Stil voller Anstand. Dafür steht Mozart auch, aber dabei lässt er es nicht bleiben – er kann nicht.« Haydn etwa verziere die Tonart G-Dur sehr schön. Mozart aber öffne sie so, dass man nicht mehr das Gefühl habe, in G-Dur zu sein. Und die Einfachheit der Melodie im zweiten Satz – für Hope ist dieses Adagio etwas vom Schönsten, was je geschrieben wurde – erinnert den Geiger an Franz Schubert.

Wäre ein Schubert-Werk ein naheliegender Ausklang einer Reise zu Mozart ? Jedenfalls führt auch das vorlie- gende Album nicht nur zu, sondern ebenso wieder weg

von Mozart. Doch Hope wählt einen unerwarteten Weg: In einer D-Dur-Romanze für Geige und Streicher versuchte Johann Peter Salomon im Jahr 1810, Mozart romantisch weiterzudenken. Dieser Komponist ist jene schillernde Fi- gur, die als Konzertveranstalter dem Londoner Publikum Haydn nahebrachte und wahrscheinlich Mozarts 41. Sym- phonie den Namen »Jupiter« gegeben hat.

Mit Journey to Mozart beschnuppert Hope die Luft rund um Mozart, zeigt, was vor und was nach Mozart komponiert wurde. »Dieses Album ist eine Reflexion der Zeit, durch meine Augen gesehen und meine Ohren ge- hört.« Aufgenommen wurden allerdings nur Werke von Komponisten, die Mozart öffentlich anerkannt hatte oder die mit ihm persönlich in Verbindung standen. Christoph Willibald Gluck war einer von ihnen.

»Gluck war ein Revolutionär«, sagt Hope begeistert, »seine Perücke trügt.« Bei Mozart wüssten wir um die Abgründe. Aber auch bei Gluck sei eine ebenso un- heimliche Tiefe und Ehrlichkeit in der Musik auszuma- chen. Hope sagt, dass dies allerdings bisweilen verpönt gewesen sei. »Man durfte nicht alles komponieren, ja, gewisse Tänze gar nicht aufführen.« Aber Gluck ließ sich davon nicht beirren und machte es trotzdem – noch dazu mit unheimlichem Ausdruck. Der das Album eröffnende »Tanz der Furien« aus Orpheus und Euri- dike müsse ein Schock für die damalige Gesellschaft gewesen sein.

Hope hat eine große Achtung vor jenen, die spä- ter von Mozart verdrängt wurden: »Da ist eine Masse von gefeierten, hoch talentierten Komponisten, jeder beeinflusste jeden, man saugte da und dort auf.« Deutlich zu hören ist das auch im D-Dur-Violinkonzert von Josef Mysliveček, 1769 komponiert. Den in Italien erfolgreichen Böhmen sieht Hope, was das Technische angeht, näher bei Mozart als bei Haydn: Bei Mysliveček sei eine ähnliche Freude an der Virtuosität auszumachen, bei Haydn hingegen gehe es vor allem um den Ausdruck, er wolle in den Violinkonzerten nie beeindrucken.

Das Album Journey to Mozart bildet aber noch eine andere Reise ab, jene nämlich, auf der sich Hope und das Zürcher Kammerorchester (ZKO) befinden. »Jedes Mal, wenn ich mit jemandem Mozart spiele, lerne ich Mozart von einer anderen Seite kennen. In Zürich erle- be ich das auf eine äußerst spannende Art und Weise. Unsere gemeinsame Reise dauert schon viele Jahre, inzwischen führen wir sie als Familie fort.« Früher war er als Solist Gast beim ZKO, seit Herbst 2016 ist Hope Musikdirektor des Orchesters und hat es in kurzer Zeit musikalisch geprägt.

Hope selbst hat auf dieser Reise viel über Mozart erfahren: »Er ist die größte Inspiration und gleichzeitig das größte Rätsel für mich. Jedes Mal, wenn ich mich intensiv mit Mozart befasse, merke ich, wie viel wir alle von ihm lernen können. Im Moment, in dem man denkt,

ihn verstanden zu haben, ist man am weitesten von ihm entfernt. Man darf einfach nie glauben: ›Jetzt weiß ich es, Mozart.‹« Doch als Musiker müsse man sich mit Mozart als Mensch und Musiker befassen, müsse eine Interpre- tation wagen, müsse versuchen weiterzugehen. Auch wenn man wisse, dass man nie an ihn herankommen werde – nicht einmal ansatzweise: »Ich will ihn deswe- gen bisweilen fast verteufeln – aber ich kann es nicht, ich liebe ihn viel zu sehr.«

Was bleibt, ist die Frage, wie es möglich ist, diese ge- haltvolle Leichtigkeit zu erreichen, wie es Hope und dem Zürcher Kammerorchester gelungen ist. Darüber nach- denkend erinnern wir uns an eine Mozart-Probe des ZKO, an einen kurzen Moment bloß: Nachdem man eine Phra- se unzählige Male wiederholt hatte und die vieldisku- tierten acht Takte plötzlich stimmten, herrschte absolute Stille im Saal. Doch kaum mit einem Lächeln quittiert, hob wieder das übliche Proben-Stimmengewirr an. Hope schmunzelt und sagt, dass so etwas nur funktioniere, wenn all die tausend Überlegungen, Anmerkungen und Bleistiftnotizen wieder hinter der Musik verschwinden. »Wenn man bei Mozart in drei Takten 25 Vorhaben be- rücksichtigen will, wird es schwierig.«

Gluck macht den furiosen Auftakt der Journey to Mozart. Das letzte Wort hat jedoch Mozart mit einem Arrangement des letzten Satzes »Rondo alla turca« aus der A-Dur-Sonate KV 331. Man meint fast zu sehen, wie

Mozart damit all seinen Kollegen eine Nase dreht, zumal er in einem Brief an seinen Vater schrieb: »So bin ich un- ter lauter Viechern und Bestien, was die Musik anlangt.« Und an Joseph Haydn: »Dich nehme ich aus, aber alle anderen Kompositeurs sind wahre Esel!« Hope verneint das nicht, sagt aber etwas Schöneres, ja Versöhnliches dazu: »Er lacht! Und darin sehe ich, dass dieser freche, eitle und geniale Kerl auch ein Mensch war. Deswegen habe ich noch viel mehr Respekt vor ihm: Das Genie tanzt uns auf der Nase herum.«

Christian Berzins

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